Klimafasten - Andacht

3. WOCHE ‐ THEOLOGISCHER IMPULS „VEGETARISCH LEBEN“
ROSINEN IM KOPF

 

 

Abigail hatte Rosinen m Kopf. Das war klar. Immer schon hatte sie hoch fliegende Pläne gehabt, aber
jetzt war sie eindeutig verrückt geworden! Mara schüttelte den Kopf. Aber es blieb ihr nichts anderes
übrig als zu tun, was ihre Chefin ihr sagte: zweihundert Brote, zwei Krüge Wein, fünf zubereitete
Schafe, fünf Scheffel geröstetes Korn, hundert Rosinenkuchen und zweihundert Feigenkuchen auf
Esel verpacken! All das war vorbereitet für das große Fest der Schafschur. Tagelang hatten sie dafür
gearbeitet. Und nun wollte Abigail es David und seinen Leuten bringen! Die lebten irgendwo im
Nirgendwo und tauchten immer mal wieder auf, um die Herden Nabals zu beschützen. Mara war
klar, dass sie damit Anspruch auf Entlohnung hatten, aber alles, was für das Fest vorbereitet war?
Was Mara nicht wusste: David war in Rage. Bis an die Zähne bewaffnet näherte er sich mit
vierhundert Männern dem Anwesen Nabals. Denn der hatte ihm seinen gerechten Lohn verweigert.
Er hatte seine Dienste gern in Anspruch genommen, ihn dann aber gedemütigt, verhöhnt und in die
Wüste zurückgeschickt. Nun wollte David alles kurz und klein schlagen, was Nabal gehörte, die
Männer umbringen und die Frauen – naja.
Abigail hat Rosinen im Kopf. Sie träumt von einem Leben in Frieden und Freiheit. Sie glaubt, dass die
Spirale der Gewalt aufzubrechen ist. Sie traut sich, den Lauf der Dinge zu unterbrechen. Sie
widersteht dem Gedanken „da kann ich doch nichts machen“ und stellt sich mit dem, was sie hat
und kann, den wütenden Männern entgegen. Und sie ist damit erfolgreich! David hält inne. Der
Machtbesessene und Siegesgewohnte lässt sich irritieren. Am Ende dreht er um – mit den Rosinenund
Feigenkuchen im Gepäck. Später, als er König ist, heiratet er Abigail und zieht sie in schwierigen
Fragen oft zu Rate.
Diese Geschichte ist nachzulesen in 1. Samuel 25. Gott kommt da nicht vor, könnte man meinen. Und
doch ist es eine Geschichte von Gottes Wirken in dieser Welt. Erstens: es ist hier (wie so oft) eine
Frau, die etwas scheinbar Kleines tut und damit Großes verändert, eine Frau wie Rosa Parks, die im
Bus einfach sitzen blieb, wie Greta, die freitags fürs Klima streikt. Eine schlichte Idee mit großer
Wirkung. Rosinen im Kopf. Gottes Wirken mit und durch Menschen. Zweitens: Liebe geht durch den
Magen. Hier ist es die Liebe zum eigenen Leben. Miteinander essen besänftigt die Gemüter, weiß
Abigail, und diese Karte spielt sie aus. Gutes Essen macht gute Laune. Das Leben ist nicht nur Kampf
und Arbeit. Es soll vor allem Spaß machen. Rosinen für Kopf und Bauch. Gottes Geschenk an uns.
Drittens: Abigails Speisen sind nicht rein vegetarisch, aber sie zeigen einen respektvollen Umgang mit
den Tieren. Die Schafe sind kostbar. Sie gehören zur Familie und werden mit dem eigenen Leben
beschützt. Darum ist es nicht selbstverständlich, Fleisch zu essen. Nur zu besonderen Anlässen
werden Lämmer gebraten. Hier sind es fünf für vierhundert Mann. Vor allem aber gibt es Kuchen und
Körner und Wein. Es gibt eine Fülle von Lebensmitteln. So sorgt Gott für uns.
Wenn wir mit den Tieren zusammenleben würden, die wir essen, würden wir wesentlich weniger
Fleisch essen. Davon bin ich überzeugt. Es täte dem einzelnen Tier gut, es wäre gut fürs Klima – und
es ist auch gesünder für uns. Was hindert uns, vegetarisch zu leben und höchstens zu besonderen
Anlässen Fleisch zu essen? Vielleicht tun Sie das längst. Oder sind das Rosinen im Kopf?


Pfrn. Annette Muhr‐Nelson, Leiterin des Amtes für Mission, Ökumene und kirchliche
Weltverantwortung (MÖWe) der Ev. Kirche von Westfalen